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16.01.2019 - Handschlag-Eklat endet mit sechs Monaten Sperre
Drei Ringer der RWG Hanau/Erlensee müssen lange pausieren, weil die Kampfrichterin sie nicht berühren durfte

Die Saison 2018 war im hessischen Ringen im Grunde schon gelaufen, als der sportlich bedeutungslose Verbandsliga-Kampf zwischen dem AC Goldbach und der RWG Hanau/Erlensee drei Tage vor Heiligabend einen Eklat schuf: Drei Ringer der RWG verweigerten Kampfrichterin Ramona Scherer (RLZ Aschaffenburg) die körperliche Berührung - und nannten dafür „religiöse Gründe“. Nun fiel das Urteil: Das Trio darf ein halbes Jahr lang nicht auf die Matte gehen.
Die tschetschenischen Ringer Iunadi und Nazhavdi Bisultanov sowie der Bulgare Sunay Hamidov standen in jener Partie in der Achterformation der Gäste, die bereits eine Woche vorher Meister vor eben jenen Goldbachern geworden waren. Das Trio glaubt an den Islam - und gab dies am Kampftag als Grund dafür an, sich von Scherer nicht anfassen zu lassen. Dies ist im Ringen etwa bei der Fingernagel-Kontrolle, dem Handschlag zu Kampfbeginn, dem Überprüfen des Sportlerrückens auf Öl oder Schweiß sowie bei der Siegerverkündung, wenn der Unparteiische beide Athleten an die Hand nimmt, nötig und auch in den internationalen (und weltweit gültigen) Wettbewerbsbestimmungen niedergeschrieben.

Aufgrund der anhaltenden Weigerung der drei Ringer gab ihnen Scherer zunächst die Gelbe und dann die Gelb-Rote Karte. Wegen dieser drei Disqualifikationen hatten die Hanauer den Ligakampf automatisch verloren, am Kampfabend fanden (ohne die Gewichtsklassen der drei beschuldigten Athleten) nur noch Freundschaftskämpfe statt. Die Vorkommnisse sorgten in der Szene über die Grenzen des Hessischen Ringer-Verbands (HRV) hinaus für Aufsehen. Der HRV erstattete Anzeige gegen die drei Sportler sowie gegen die Vereine der Wettkampfgemeinschaft, den AC Hanau sowie den RC Erlensee.

Jetzt stehen die Strafen fest. Zunächst einmal: Die beiden in der RWG Hanau/Erlensee gemeinsam am Ligabetrieb teilnehmenden Vereine wurden freigesprochen. In der Urteilsbegründung des HRV-Rechtsausschusses heißt es: „Die Vereinsführung der beschuldigten RWG Hanau/Erlensee war vom unerwarteten Verhalten der beschuldigten Sportler überrascht und enttäuscht. Zumal in den beiden Vereinen in der Vergangenheit mit einem erheblichen ehrenamtlichen Aufwand eine erfolgreiche Integrationsarbeit geleistet wurde und diese auch weiterhin geleistet wird.“

Eine Strafe erhielten hingegen die drei Ringer: Sie sind ab sofort und bis zum 31. Juli dieses Jahres gesperrt. Damit dürfen die drei Athleten nicht bei den Hessenmeisterschaften starten, die in den nächsten Wochen anstehen und für die ihre Vereine sie (im Gegensatz zu den Deutschen Meisterschaften) hätten melden können. Damit verpasst das Trio allerdings „nur“ eine sportliche Herausforderung. Schmerzhafter für die drei Ringer, aber eben auch für die von der Mitschuld befreite RWG Hanau/Erlensee, wäre eine Sperre gewesen, die sich bis in die neue Mannschaftssaison hineingezogen hätte. Dort gibt es für Athleten im Gegensatz zu den Einzelmeisterschaften auch ein paar Euro zu verdienen. Da die Saison 2019 aber erst im Spätsommer beginnt, ist die Strafe für die beiden Bisultanovs sowie Hamidov bis dato abgelaufen.

In der Urteilsbegründung betonte der Rechtsausschuss unter Berufung auf Quellen wie den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime insbesondere, „dass es keine zwingende theologische Begründung dafür gibt, den Handschlag zu verweigern“. Auch der Zentralrats-Vorsitzende selbst, Aiman Mazyek, gebe Frauen die Hand. Herangezogen wurde zudem eine Aussage Hamidovs, die er Anfang Januar in einem Zeitungsinterview gemacht hatte. Darin nannte er keine „religiösen Gründe“ mehr, sondern gab als Grund für die Ablehnung der Berührung durch die (in der Bundesliga sowie international anerkannte) Kampfrichterin Ramona Scherer zu Protokoll: „Ich hatte Streit mit meiner Frau. Ich wollte ihr zeigen, dass ich nur Augen für sie habe.“

Unter dem Strich führte die Interessensabwägung zwischen Glaubensfreiheit und Gleichberechtigung - beides im Grundgesetz verankert - zur Entscheidung des HRV-Rechtsausschusses. Spannend zu sehen sein wird, ob die RWG Hanau/Erlensee weiter auf die drei Ringer (die sich laut Vereinsoffiziellen ansonsten bisher tadellos verhalten hätten und laut Rechtsausschuss auch strafrechtlich noch nicht in Erscheinung getreten seien) baut - und wie diese im Falle einer erneuten Ansetzung einer Kampfrichterin bei einem ihrer Kämpfe reagieren. jed?

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