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02.10.2020 - Ein einmaliges Erlebnis - Rückblick WM 1990 in Rom
Quelle: Main-Echo / Autor: Wolfgang Noack / Foto: Kadir Caliskan (UWW)

»Ein einmaliges Erlebnis. Das wird für immer bleiben«, blickt Rifat Yildiz, heute Trainer im Hessischen Ringer-Verband (HRV) und beim Bundesligisten SC Kleinostheim, auf das Turnier zurück. Damit meint der in der Türkei geborene und in Aschaffenburg aufgewachsene Mattenfuchs nicht nur den Gewinn eines seiner beiden WM-Titel (Gewichtsklasse bis 57 kg) in seiner internationalen Karriere.

Insgesamt zwei Goldmedaillen - auch der heutige Klassiker-Bundestrainer Maik Bullmann aus Frankfurt an der Oder gewann in Rom die wertvollste Plakette - und eine silberne durch Jannis Zamanduridis aus Zella-Mehlis ließen das DRB-Team im Medaillenspiegel von Rom auf dem zweiten Platz hinter der jahrzehntelang übermächtigen UdSSR erstrahlen; ein sensationell erfolgreicher Eintrag in den DRB-Annalen.


Gold für Rifat Yildiz bei der WM 1990 in Rom (Foto: Kadir Caliskan)
»Das war für uns alle eine ganz neue Situation, die gemeinsame Mannschaftsbildung«, erinnert sich Yildiz. Da musste alles stimmen, und wir haben auch klasse zusammengearbeitet und super trainiert. Wir kannten uns ja schon vorher von den Turnieren und hatten nach dem Mauerfall auch schon gemeinsame Lehrgänge gehabt. Das war eine super harmonische Mannschaft. Die Ergebnisse haben das ja dann auch bestätigt«, schwärmt der »Campione del Mondo '90« (Main-Echo-Schlagzeile 22. Oktober 1990), später unter anderem in Barcelona 1992 Olympiazweiter, auch heute noch vom prima Klima im Ost-West-Kollektiv des DRB.

Dreimal null Berührungsängste
Diesen Eindruck bestätigt der in Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) geborene Jannis Zamanduridis, heute DRB-Sportdirektor, 1990 in Rom ein Vize-Weltmeister (68 kg) aus dem Nichts. »Es gab keinerlei Berührungsängste. Wir haben uns sofort gut verstanden, obwohl das von jetzt auf nu ging«, erinnert der frühere Leichtgewichtler daran, dass zwischen dem Fall der innerdeutschen Mauer (9. November 1989) und dem ersten Auftritt der vereinten Ringer gerade einmal elf Monate und eine Woche vergangen waren.

Zeugen-Absprachen etwa?
Die hier befragten Medaillen-Helden von Rom äußerten sich unabhängig voneinander, und dennoch ist der Tenor einhellig. Jannis Zamanduridis und Maik Bullmann fanden sich anlässlich von Interviews 2015 mit unserem Medienhaus in einem Punkt sogar buchstabengetreu im gleichen Satz. »Es gab keinerlei Berührungsängste«, gaben Zamanduridis und der Halbschwergewichtler aus Frankfurt an der Oder 25 Jahre nach dem römischen Spektakel unisono zu Protokoll. Intensiv am guten Mannschaftsgeist von Rom hatten die verantwortlichen Trainer Heinz Ostermann (vorher DRB) und Günter Reichelt (vorher Deutscher Ringerverband/DRV der DDR) schon einige Zeit im Vorfeld gefeilt.

Der gute Geist
Bullmann, zwei Jahre nach seinem Triumph von Rom in Barcelona Olympiasieger, schildert sein damaliges Erleben in der vereinigten DRB-Auswahl so: »Wir vorherige DDR-Ringer sind sehr freundschaftlich angenommen worden. Wir waren eine echte Mannschaft, und das kam auch so rüber. Sonst wären ja auch die großen Erfolge nicht denkbar gewesen. Vielleicht war es nicht in allen Sportarten so, aber bei uns im Ringen war das eine sehr homogene, leistungsstarke Mannschaft. Es gab keinerlei Berührungsängste. Es ist eine sehr schöne und gute Erinnerung. Es war auch persönlich für mich sehr schön, im gesamtdeutschen Team meinen Beitrag zum Erfolg zu leisten.«

Auch »Bulle« Bullmann erinnert daran, dass vorherige Begegnungen bei der Team-Neubildung hilfreich waren: »Wir hatten natürlich auch schon vor der Vereinigung Kontakte bei internationalen Turnieren, zuletzt - noch in getrennten Mannschaften - bei der Europameisterschaft 90 in Polen, aber auch bei bereits vorher durchgeführten gemeinsamen Lehrgängen.«

Es gab keinerlei Berührungsängste. Wir haben uns sofort gut verstanden.
Allerdings sahen sich die Athleten aus den vorherigen beiden deutschen Staaten auch urplötzlich einem erweiterten Konkurrenten-Kreis gegenüber. Kein Hindernis für den guten »Geist von Rom«, wie Maik Bullmann erzählt: »Trotz der gegenseitig durch die Vereinigung in einer Mannschaft entstandenen neuen Konkurrenz kam nie böse Stimmung auf. Es lief bei aller sportlichen Konkurrenz ganz korrekt. Es herrschte 'ne ganz tolle Stimmung. Auch die folgenden neunziger Jahre hatten wir ein ganz tolles Team. Ich blicke manchmal mit einem weinenden Auge auf diese Zeit zurück, zumal ich auch als Bundesliga-Ringer in Goldbach sehr schöne und erfolgreiche Jahre hatte.«

Achterbahnfahrt ins Happy End
Für Jannis Zamanduridis war das Championat von Rom 1990 ein auch persönlich extrem intensives Erlebnis, ein regelrechter Turbo für Glücksgefühle nach einer jahrelangen wechselhaften, vor allem von Rückschlägen geprägten Vorgeschichte. Der sportliche Weg des Thüringers war noch bis wenige Wochen vor der WM 1990 mit zahlreichen Stolpersteinen gepflastert. »Ich habe in Teilen der DDR Probleme gehabt. Man hat mich bei internationalen Meisterschaften immer wieder ausgebremst, obwohl ich in den Qualifikationen die geforderten Leistungen erbracht hatte«, erklärt Zamanduridis.

Zweimal schon innerhalb der letzten zwei Jahre vor den Titelkämpfen in der Ewigen Stadt hatte der Sohn eines in den Nachkriegsjahren vor Faschisten in seiner Heimat in die DDR geflüchteten Griechen und einer Deutschen innerlich seinen Rückzug aus dem internationalen Sport beschlossen. Immer wieder war bei Qualifikationsturnieren Endstation für den früheren Leichtgewichtler.

Politischer Risikofaktor
»Auch für die Olympischen Spiele 1988 in Seoul und für die WM 1989 wurde ich nicht nominiert«, berichtet der später in Krombach (Kreis Aschaffenburg) beheimatete heutige Vorgesetzte der DRB-Bundestrainer. »Für die DDR-Funktionäre war ich aufgrund meiner Verwandtschaft im Westen ein politischer Risikofaktor, zudem war ich schon immer sehr individuell veranlagt, was wir uns heute von Sportlern wünschen, damals aber nicht gerne gesehen war.«

Nach der politischen und beschlossenen sportlichen Vereinigung von Ost und West holte sich Jannis Zamanduridis eine weitere Abfuhr, wenn auch aus verständlichen Gründen. Der damalige Bundestrainer Heinz Ostermann erklärte ihm, »ich habe dich lange Jahre beobachtet und du gehörst grundsätzlich auf eine Weltmeisterschaft. Aber ich habe mit Claudio Passarelli den amtierenden Weltmeister in deinem Gewicht in der Mannschaft, da komme ich nicht dran vorbei«. Zamanduridis: »Damit hat er ja recht gehabt, aber ich hatte die nächste Absage zu verdauen.« Damals war ich 24 Jahre alt und wollte nach meinen jahrelangen vergeblichen Bemühungen endgültig international aufhören. Ich habe fast nur noch Fitness-Training gemacht.«

Last-Minute-Silber
Im September erhielt Zamanduridis, damals bereits vom Bundesligisten RWG Mömbris/Königshofen verpflichtet, die Nachricht über seine Nachnominierung für Rom; zuerst bei einem Abendessen im Gespräch mit Rifat Yildiz, das bereits im Briefkasten gelandete Telegramm vom Bundestrainer las der Glückliche erst nach seiner Rückkehr. Grund der späten Nominierung: Der Schifferstädter Claudio Passarelli hatte sich im Abschlusstraining erheblich verletzt. »Ich bin als Ersatzmann Vizeweltmeister geworden«, sagt Jannis Zamanduridis.

Nicht zu ahnen anno 1990, über welche atemberaubende Spitzkehre der sportliche Lebenslauf von Jannis Zamanduridis noch führen sollte, das jedoch zu 100 Prozent aus freien Stücken. Nach dem Gewinn der WM-Bronzemedaille 1995 beendete der damals 29-Jährige seine internationale Karriere, ließ sich aber 2003 vom DRB zu einem Comeback verführen, um einen deutschen Startplatz in seinem Gewicht für die Olympischen Spiele 2004 zu erkämpfen. Im Land seiner Vorfahren und der »Erfindung« des Olympischen Ringen beendete der damals 38 Jahre Zamanduridis als Olympiasiebter in Athen seine aktive Karriere; diesmal wirklich.

Transfer-Basar
Der spätere Barcelona-Olympiasieger Maik Bullman sollte alsbald ein Clubkollege von Rifat Yildiz werden, denn Rom war angesichts der frischen politischen Öffnung der osteuropäischen Länder auch ein Transfer-Basar. »In Rom waren acht oder neun unserer größten Sponsoren dabei«, blickt Karl Krausert seinerzeit als langjähriger Mannschaftsführer »Meistermacher« des bis dahin zweimaligen Bundesliga-Champions AC Bavaria Goldbach zurück. »Auf die Frage aus dem Gönnerkreis, wen ich mir aus der Nationalmannschaft als Verstärkung wünsche, habe ich geantwortet: >Den, den ich will, könnt ihr nicht bezahlen.

100-Dollar-Schein für Yildiz
Rifat Yildiz durfte bereits nach dem Rückflug von Rom am Frankfurter Flughafen von euphorischen Goldbacher Fans und Funktionären temperamentvoll musikalisch empfangen werden. Was ihm eine Extra-Prämie eintrug. Norbert Heim vom Goldbacher Förderkreis war direkt beteiligt: »Ein US-amerikanischer Passant fragte mich nach dem Grund für gute Laune und Musik. Als ich ihm erklärte, dass es sich um einen Empfang für Rifat handele, weil er Weltmeister geworden ist, hat er ihm 100 Dollar geschenkt.«

Selbst das glänzende Rom 1990 blieb nicht gänzlich frei von Schatten. Der Großkrotzenburger Gerhard Himmel (AC Goldbach), Titelverteidiger sowie Olympiazweiter 1988, musste sich nach Niederlagen gegen Seoul-Olympiasieger Andrej Wronski (Polen) und den späteren Champion Sergej Demjaschkiewitsch (UdSSR) enttäuscht mit Rang sechs begnügen.

Dennoch steht Rom 1990 für ein deutsches Erfolgsmodell. Im Vergleich dazu ging nur einige Wochen zuvor geradezu symbolhaft das Auslauf-Modell auf der Ringer-Matte baden. Im Medaillenspiegel der Freistil-WM Anfang September in Tokio, letztmaliger Auftritt von in DDR und BRD geteilten deutschen Ringer-Auswahlmannschaften, wurde weder von BRD noch von DDR Notiz genommen.

Wolfgang Noack

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